Im Winter Sommerobst und -gemüse essen? Was für eine seltsame Idee. Und dennoch schlagen uns die Supermärkte genau das vor, und zwar jedes Jahr etwas früher. Erdbeeren, Himbeeren, Spargel, Zucchini, Tomaten, Weintrauben, Melonen: Früchte und Gemüsesorten die an sich der Sonne bedürfen, aber schon im Winter, vor Kälte bibbernd, in unseren Einkaufswagen liegen.

Zwei besonders charakteristische Beispiele:
Erdbeeren und Spargel

Ab Februar werden in den Regalen Erdbeeren angeboten, obwohl die hierzulande erst im Juni reif werden!
Das ist leicht zu erklären: Die Beeren kommen aus Spanien, genauso wie ein Grossteil der in unseren Läden verkauften Früchte und Gemüsearten. Sie werden in Glashäusern auf Sand angebaut; unterbezahlten, ausgebeuteten und unter unwürdigen Bedingungen lebende Arbeiter behandeln sie gegen Unkraut und Pilzbefall, bis sie auf ihrer Route durch Europa einen Grossteil ihrer Vitamine und Mineralstoffe verlieren. So finden wir sie dann vor... ein enttäuschendes Ergebnis. Der Geschmack ist verwässert, die Konsistenz erinnert an Plastik, das hat nichts mit dem herrlichen Geschmack der Erdbeeren zu tun, die in echter Erde wachsen und unter der Sonne reif werden.
Lohnt es sich wirklich Produkte zu kaufen, die ökologisch und ethisch bestenfalls zweifelhaft sind, nach nichts schmecken und die Umwelt stark belasten? Können wir nicht bis Juni warten, um sie so richtig zu geniessen?

Kurz darauf ist dann der Spargel dran. Diesmal kommt er aus Mexiko und Peru. Ist es in einer Zeit, in der die Problematik der Umweltbelastung immer stärker im Vordergrund steht und jeder versucht, CO2 zu sparen wirklich sinnvoll, Gemüse, das auch bei uns wächst, von so weit her kommen zu lassen? Ohne zu vergessen, dass die einheimischen Produzenten, wenn im Mai wirklich die Spargelzeit kommt, ihre Produkte kaum noch verkaufen können.

In Zahlen: 1 Bund mexikanischer Spargel, im Februar per Flugzeug importiert (11'800 Km), verbraucht 5 Liter Benzin. 1 Bund Genfer Spargel, im Mai gekauft, verbraucht 0.3 Liter Benzin. (Quelle WWF)

Marketing und Gesundheit

In den Supermärkte ist jedes Mittel recht, um in den Verbrauchern die Lust darauf zu wecken, nicht saisongerechtes Obst und Gemüse zu kaufen: es gibt Erdbeerkörbchen in Herzform zum Valentinstag und jede Menge Sonderangebote und Tiefstpreise, die roten Beeren werden Mitte Februar als « Frucht der Woche » angepriesen, Rezepte für Spargelsaucen werden neu aufgelegt, während auf den Verpackungen des Rohschinkens appetitliche Fotos mit den weissen Stangen prangen. Es gibt keinen Weg an diesen Produkten vorbei. Alles wird gemacht, um sie in den Mittelpunkt zu stellen.

Auch gesundheitliche Argumente werden vorgebracht. Überall werden den Käufern diätetische Ratschläge gegeben, natürlich auch auf Gemüse und Obst, das noch gar nicht Saison hat. Zwar ist es sinnvoll, „5 Portionen Früchte und Gemüse am Tag“ zu verzehren, aber die Qualität muss stimmen. Importiertes, nicht jahreszeitliche Gemüse und Obst weist häufig hohe Dosen an Pestiziden und Pilzbekämpfungsmitteln auf. Das liegt an den Anbaumethoden, an den unterschiedlichen nationalen Gesetzgebungen zum Gebrauch von Chemikalien, aber auch an den Transportbedingungen, da spezifische Behandlungen nötig sind, damit die Lebensmittel heil bei uns ankommen.

Eine Reihe von Studien haben gezeigt, dass Früchte und Gemüse in Hors-sol Kulturen und aus dem Gewächshaus weniger Nährstoffe enthalten als traditionell angebaute. Da sie geerntet werden, bevor sie voll ausgereift sind, können sie auch nicht ihr volles Aroma entfalten. Lange Transportwege üben zusätzlich noch einen negativen Einfluss auf die Nährstoffe der Produkte aus, weil besonders Vitamine sehr sensibel auf Luft und Hitze reagieren und nur schlecht altern. Doch auch der Geschmackverlust ist gesundheitlich bedenklich. Wenn Obst und Gemüse nicht richtig lecker schmeckt, haben wir auch weniger Lust, sie zu essen.

Ein abschreckendes Beispiel

Für gewisse Obst- und Gemüsesorten ist es schon zu spät, wie es das Beispiel der Tomate schmerzhaft verdeutlicht. In den Supermärkten ist sie von Januar bis Dezember zu kaufen und niemand weiss mehr genau, wann sie Saison hat. Aber auch ihr Geschmack, wenn sie in richtiger Erde und an der Sonne wächst, ist in Vergessenheit geraten. Wer das ganze Jahr fade Tomaten isst, kann sich nicht mehr darauf freuen, wenn im Juni die ersten reifen Tomaten auf dem Tisch stehen. Nicht saisongerecht essen birgt somit auch das Risiko, das unsere Mahlzeiten zu tristen Momenten verkommen.

Damit anderen Obst- und Gemüsesorten nicht das gleiche Schicksal ereilt, erklären wir heute « Solche Erdbeeren haben wir satt! ».
Es geht uns dabei aber nicht um eine extremistische Position, die einen totalen Stopp der Importe fordern würde, sondern eher um einen Aufruf an die Grossverteiler, etwas mehr Zurückhaltung und gesunden Menschenverstand walten zu lassen.

„Wir sind uns des Problems bewusst“, sagt Olivier Potterat, der Verantwortliche für Einkauf und Marketing der Migros-Waadt. „Es wird häufig behauptet, dass wir uns aus Kostengründen soweit wie möglich im Ausland eindecken. Das stimmt so aber nicht. Was aber die Frage betrifft, ob wir - nur um als besonders tugendhaft zu gelten - ganz allein den ersten Schritt machen sollten und Produkte, die lange Transportwege hinter sich haben, nicht mehr anbieten sollten, so ist das eine ganz andere Sache. Würden wir so etwas im Alleingang durchführen, sähen unsere Kunden sich bei der Konkurrenz nach den Produkten um, die sie bei uns in den Regalen nicht mehr finden.“ (Quelle Tribune de Genève)

Aber geht es hier wirklich darum, als besonders tugendhaft zu gelten? Oder liegt das Problem nicht viel eher im mangelnden Mut, seine öffentlichen Engagements tatsächlich in die Praxis umzusetzen?
Werden die Grossverteiler wirklich durch die Verbrauchernachfrage dazu veranlasst, Erdbeeren und Spargel aus weit entfernten Ländern immer früher anzubieten? Würden wirklich so viele Kunden im Februar Erdbeeren und Spargel kaufen, wenn es das Angebot nicht gäbe? Es scheint zumindest fragwürdig...

Was können wir machen?

Als Verbraucher sind uns nicht die Hände gebunden. Dank kleiner Gesten in unserem Alltag, die auf den ersten Blick zwar nicht nach sehr viel aussehen mögen, mit der Zeit aber Grosses in Gang setzen, können wir Einfluss ausüben.
So hängt der Rhythmus der Erdbeerernten in Spanien direkt von den Bestellungen ab, die jeden Tag von den Supermarktketten Nordeuropas ausgehen. Veränderte Kaufgewohnheiten schlagen sich somit direkt nieder. (Quelle ABE)

Unser Missfallen über nicht saisongerechtes Obst und Gemüse können wir vielfältig kundtun:

  • Kaufverweigerung. Darin liegt sicherlich die zwar einfache, aber durchaus effiziente macht des Konsumenten. Der bewusste Verbraucher kauft gezielt saisonales Obst und Gemüse aus lokaler Produktion. Falls Zweifel über den Ursprung von Lebensmitteln bestehen gibt die Etikette normalerweise hilfreiche Angaben über das Herkunftsland.
  • Information. Es ist wichtig, sein Umfeld über diese Problematik aufzuklären. Besonders für Stadtmenschen ist gar nicht mehr klar, was es mit den Jahreszeiten so auf sich hat. Abhilfe verschafft hier ein Saisonkalender für Obst und Gemüse, ein Spaziergang über den Wochenmarkt oder auch der regelmässige Besuch von umliegenden Bauernhöfen, um jahreszeitliche Produkte direkt zu kaufen oder vielleicht sogar selbst zu pflücken.
  • Unterschriftensammlung. Und, dank der Unterzeichnung dieses kleinen Manifestes, können wir in der Schweiz ab heute auch den Direktoren von Coop und Migros mitteilen, dass wir Verbraucher im Februar keine Erdbeeren mehr wollen!

Bitte lesen Sie auch: Teil 2

Grossverteiler verstricken sich in Widersprüchen

Folgende Beispiele zeigen den Kontrast zwischen Wort und Tat in den jeweiligen Zeitungen der zwei Verteiler.

Migros-Magazin vom 11. Februar 2008

Im Sonderangebot: Bohnen aus Marokko und Senegal, Tomaten aus Spanien.

Coop-Zeitung vom 12. Februar 2008

Artikel « Erdbeeren zum Valentinstag ». Er handelt von « Erdbeeren, die im sonnigen Süden bereits schön rot reifen, [...] einen hohen Vitamin-C-Gehalt haben [...] und bei Coop in der hübschen [Plastik]-Schale in Herzform » daherkommen.

Migros-Magazin vom 18. Februar 2008

Migros präsentiert ein neues Label für die Umwelt, das klimafreundliche Produkte - deren Co2-Ausstoss niedrig liegt - mit einem Etikett versehen wird, um eine transparente Information der Kunden zu erlauben.
Wäre es aber nicht noch sinnvoller, gerade Produkte, deren Co2-Ausstoss besonders hoch ist, als solche zu kennzeichnen?
Im Extrateil der Zeitung, der vom „Klimaschutz“ handelt, gibt es einen Gemüsekalender und einen kleinen Artikel mit dem Titel: „Aus der Region für das Klima“. Darin wird erläutert, dass Energieverbrauch und Umweltverschmutzung vom Transportmittel und der Art des Anbaus bedingt wird. Dabei wird auch darauf hingewiesen, dass lokale Saisonprodukte am wenigsten CO2-intensiv sind.
Im Sonderangebot: Weintrauben aus Südafrika und Brokkoli aus Spanien, die – nach dem Gemüsekalender – von Juni bis Oktober verspeist werden sollten.

Coop-Zeitung vom 19. Februar 2008

Anzeige zum Thema: „Coop wird CO2 neutral“. Heere Ziele werden verfolgt: „Für die einzige Welt, die wir haben, für künftige Generationen, für Sie !“
Auf der Rückseite wird gross für Spargel und der dazugehörigen Fertig-Sosse geworben: „Wenn Gutes sich mit Bestem reimt, sind Spargeln und Sauce Hollandaise natürlich [...] vereint.“

Coop-Bilanz 2007: „Nachhaltigkeit als Programm“. Der Artikel gibt an, bei Coop solle es „auch in Zukunft Umweltfreundlich und sozial gerecht weitergehen“. Coop-Chef Hansueli Loosli meint hierzu: „Die ökologische und ethisch-soziale Verantwortung des Unternehmens liegt mir ganz besonders am Herzen.“
Im Sonderangebot : grüner Spargel aus Mexiko, Endivien und Fenchel aus Italien und Spanien.

Migros-Magazin vom 25. Februar 2008

In einem Artikel über die neue Fischtheke in Versoix der französischsprachigen Ausgabe stellt sich stellt sich Migros in der Rubrik Nah & Frisch als aktiver Partner der lokalen Wirtschaft vor.
Im Sonderangebot: grüner Spargel aus Mexiko, Lauch aus der Türkei und Eisbergsalat aus Marokko.

Coop-Zeitung vom 26. Februar 2008

„Für eine lebenswerte Zukunft : Coop wird CO2 neutral. Bis in 15 Jahren ist Coop Co2 neutral. Mit dieser Vision setzt Coop, Pionier und Schrittmacher in Sachen Nachhaltigkeit einmal mehr ein Zeichen. Denn die Auswirkungen des Klimawandels werden immer bedrohlicher für die Umwelt. Das verlangt nach Taten und nicht schönen Worten.“
Im Sonderangebot: Erdbeeren aus Spanien, Tomaten aus Spanien und Marokko.

Migros-Magazin vom 3. März 2008

Artikel über den neuen Migros-Label Terra Suisse, der „die nachhaltige Landwirtschaft in der Schweiz stärken“ soll.
Im Sonderangebot: italienischer Fenchel, Tomaten aus Spanien und Marokko. Als Neuheit wird eine kalorienarme Hollandaise-Sauce vorgestellt, die 100% Spargel-Genuss verspricht, obwohl die Spargel-Saison erst im Mai beginnt.

Coop-Zeitung vom 4. März 2008

Zwei Seiten über den Titel „Wir haben nur eine Erde“ vom Schweizer Rapper Stress, dessen Musik-Video im Rahmen eines Coop-TV-Spots aufgenommen wurde. Ein Ausschnitt aus seinem Song: „Diskussionen sind ja gut und recht. Aber Taten sind besser.“

In der selben Ausgabe erscheint folgende Werbung für eine fertige Salatmsichung: „ Ein Saisongenuss: gekochte grüne Spargel zur knackig frischen Salatmischung.“
Einziges Problem: Die Saison für grünen Spargel beginnt im Mai, nicht im März.

Darauf folgt ein kurzer Artikel über „exotische Kraftspender“, der auch über Peperoni, ihren Geschmack, ihre Farbe und ihr Vitamin-C-Gehalt handelt. Natürlich fehlt auch der Hinweis auf den Peperonimarkt bei Coop nicht, wo viele Sorten zu entdecken sind. Nur schade, dass die Peperoni-Saison in Wahrheit erst im Juni beginnt.

Diskussionen sind ja gut und recht...

Bitte lesen Sie auch: Teil 1